| |
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids
Brigge 11. September,
rue Toullier So,
also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe
sich hier. Ich
bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe eine n Menschen
gesehen, welcher schwankte und umsank.
Die Leute versammelten sich um ih n, das ersparte
mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer
an einer hohen,
warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu
überzeugen, ob sie noch da sei.
Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan:
Maison dAccouchement. Gut. Man wird sie entbinden - man kann das. Weiter,
rue Saint-Jacques,
ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab a n Val-de-grâce,
Hôpital
militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht.
Die Gasse begann
von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich untersche iden ließ, nach
Jodoform, nach
dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte ri echen im Sommer.
Dann habe ich ein eigentümlich
starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden,
aber über der Tür stand noch
ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren
die Preise. Ich habe sie gelesen. Es
war nicht teuer. Und
sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grün lich und
hatte einen deutlichen
Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das Kind
schlief, der Mund war offen, atmete
Jodoform, pommes frites, Angst. Das war nun mal so. Die
Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache.
Daß ich es nicht lassen kann,
bei offenem Fenster zu schlafen. Elektri sche Bahnen rasen
läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. E ine Tür
fällt zu. Irgendwo
klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen,
die kleinen Splitter
kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener Lä rm von der anderen
Seite, innen
im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt unaufhörlich. Ist da, ist
lange da, geht
vorbei. Und wieder die Straße. Ein Mädchen kreischt: Ah tais-toi, je
ne veux plus.
Die Elektrische rennt ganz erregt heran, darüber fort, fort über alles.
Jemand ruft. Leute
laufen, überholen sich. Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung:
ein Hund. Gegen Morgen
kräht sogar ein Hahn, und das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich
plötzlich
ein. As sind
die Geräusche. Aber es giebt hier etwas, was furchtbarer ist: die Stille.
Ich glaube, bei
großen Bränden tritt manchmal so ein Augenblick äußerster
Spannung ein,
die Wasserstrahlen fallen ab, die Feuerwehrleute klettern nicht mehr, niemand
rührt sich.
Lautlos schiebt sich ein schwarzes Gesimse vor oben, und eine hohe Mauer,
hinter welcher das Feuer auffährt,
neigt sich, lautlos. Alles steht und wartet mit hochgeschobenen
Schultern, die Gesichter über die Augen zusammengezog en, auf den
schrecklichen Schlag. So ist hier die
Stille. Ich lerne
sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und
bleibt nicht
an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres,
von dem ich nicht
wußte. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.
Ich habe heute
einen Brief geschrieben, dabei ist es mir aufgefallen, daß ich erst drei
Wochen hier bin.
Drei Wochen anderswo, auf dem Lande zum Beispiel, das konnte sein
wie ein Tag, hier sind es Jahre. Ich
will auch keinen Brief mehr schreiben. Wozu soll ich
|  |
|
| |
|
|