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in ihre losen, hellen Kleider hineingegossen war; ihre Bewegungen waren müde und
unbestimmt; und ihre Augen flossen beständig über. Und trotzdem wa r etwas in ihr, das
mich an meine zarte und schlanke Mutter erinnerte.
Ich fand, je länger ich sie betrachtete, alle die feinen und leisen Züge in ihrem Gesichte,
an die ich mich seit meiner Mutter Tode nie mehr recht hatte erinnern können; nun erst,
seit ich Mathilde Brahe täglich sah, wußte ich wieder, wie die Verstorbene ausgesehen
hatte; ja, ich wußte es vielleicht zum erstenmal. Nun erst setzte sich aus hundert und
hundert Einzelheiten ein Bild der Toten in mir zusammen, jenes Bild, das mich überall
begleitet. Später ist es mir klar geworden, daß in dem Gesicht des Fräuleins Brahe wirklich
alle Einzelheiten vorhanden waren, die die Züge meiner Mutter bestimmten, - sie waren
nur, als ob ein fremdes Gesicht sich dazwischen geschoben hätte, ause inandergedrängt,
verbogen und nicht mehr in Verbindung miteinander.
Neben dieser Dame saß der kleine Sohn einer Cousine, ein Knabe, etwa gleichaltrig mit
mir, aber kleiner und schwächlicher. Aus einer gefältelten Krause stieg sein dünner,
blasser Hals und verschwand unter einem langen Kinn. Seine Lippen waren schmal und
fest geschlossen, seine Nasenflügel zitterten leise, und von seinen s chönen
dunkelbraunen Augen war nur das eine beweglich. Es blickte manchmal ruhig und traurig
zu mir herüber, während das andere immer in dieselbe Ecke gerichtet blieb, als wäre es
verkauft und käme nicht mehr in Betracht.
Am oberen Ende der Tafel stand der ungeheure Lehnsessel meines Großva ters, den ein
Diener, der nichts anderes zu tun hatte, ihm unterschob und in dem der G reis nur einen
geringen Raum einnahm. Es gab Leute, die diesen schwerhörigen und herrischen alten
Herrn Exzellenz und Hofmarschall nannten, andere gaben ihm den Titel Gen eral. Und er
besaß gewiß auch alle diese Würden, aber es war so lange her, seit er Ämter bekleidet
hatte, daß diese Benennungen kaum mehr verständlich waren. Mir sch ien es überhaupt,
als ob an seiner in gewissen Momenten so scharfen und doch immer wieder aufgelösten
Persönlichkeit kein bestimmter Name haften könne. Ich konnte mich nie entschließen, ihn
Großvater zu nennen, obwohl er bisweilen freundlich zu mir war, ja mich sogar zu sich rief,
wobei er meinem Namen eine scherzhafte Betonung zu geben versuchte. Ü brigens zeigte
die ganze Familie ein aus Ehrfurcht und Scheu gemischtes Benehmen dem Grafen
gegenüber, nur der kleine Erik lebte in einer gewissen Vertraulichkeit mit dem greisen
Hausherrn; sein bewegliches Auge hatte zuzeiten rasche Blicke des Einverständnisses mit
ihm, die ebensorasch von dem Großvater erwidert wurden; auch konnte man sie zuweilen
in den langen Nachmittagen am Ende der tiefen Galerie auftauchen sehen u nd
beobachten, wie sie, Hand in Hand, die dunklen alten Bildnisse entlang g ingen, ohne zu
sprechen, offenbar auf eine andere Weise sich verständigend.
Ich befand mich fast den ganzen Tag im Parke und draußen in den Buche nwäldern oder
auf der Heide; und es gab zum Glück Hunde auf Urnekloster, die mich begleiteten; es gab
da und dort ein Pächterhaus oder einen Meierhof, wo ich Milch und Brot und Früchte
bekommen konnte, und ich glaube, daß ich meine Freiheit ziemlich sorg los genoß, ohne
mich, wenigstens in den folgenden Wochen, von dem Gedanken an die abendl ichen
Zusammenkünfte ängstigen zu lassen. Ich sprach fast mit niemandem, denn es war meine
Freude, einsam zu sein; nur mit den Hunden hatte ich kurze Gespräche dann und wann:
mit ihnen verstand ich mich ausgezeichnet. Schweigsamkeit war übrigen s eine Art
Familieneigenschaft; ich kannte sie von meinem Vater her, und es wunderte mich nicht,
daß während der Abendtafel fast nichts gesprochen wurde.
In den ersten Tagen nach unserer Ankunft allerdings benahm sich Mathilde Brahe äußerst
gesprächig. Sie fragte den Vater nach früheren Bekannten in ausländischen Städten, sie
erinnerte sich entlegener Eindrücke, sie rührte sich selbst bis zu Tränen, indem sie
verstorbener Freundinnen und eines gewissen jungen Mannes gedachte, von dem sie
andeutete, daß er sie geliebt habe, ohne daß sie seine inständige und hoffnungslose
Neigung hätte erwidern mögen. Mein Vater hörte höflich zu, n eigte dann und wann
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