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schlanke, hellgekleidete Dame und kam langsam auf uns zu. Ich weiß ni cht, ob ich eine
Bewegung machte oder einen Laut von mir gab, der Lärm eines umstürzenden Stuhles
zwang mich, meine Blicke von der merkwürdigen Gestalt abzureißen, und ich sah meinen
Vater, der aufgesprungen war und nun, totenbleich im Gesicht, mit herabh ängenden
geballten Händen, auf die Dame zuging. Sie bewegte sich indessen, von dieser Szene
ganz unberührt, auf uns zu, Schritt für Schritt, und sie war schon nicht mehr weit von dem
Platze des Grafen, als dieser sich mit einem Ruck erhob, meinen Vater beim Arme faßte,
ihn an den Tisch zurückzog und festhielt, während die fremde Dame, langsam und
teilnahmlos, durch den nun freigewordenen Baum vorüberging, Schritt für Schritt, durch
unbeschreibliche Stille, in der nur irgendwo ein Glas zitternd klirrte, und in einer Tür der
gegenüberliegenden Wand des Saales verschwand.
In diesem Augenblick bemerkte ich, daß es der kleine Erik war, der mit einer tiefen
Verbeugung diese Türe hinter der Fremden schloß.
Ich war der einzige, der am Tische sitzengeblieben war; ich hatte mich so schwer gemacht
in meinem Sessel, mir schien, ich könnte allein nie wieder auf. Eine Weile sah ich, ohne zu
sehen. Dann fiel mir mein Vater ein, und ich gewahrte, daß der Alte ihn noch immer am
Arme festhielt. Das Gesicht meines Vaters war jetzt zornig, voller Blut, aber der Großvater,
dessen Finger wie eine weiße Kralle meines Vaters Arm umklammerten, lächelte sein
maskenhaftes Lächeln. Ich hörte dann, wie er etwas sagte, Silbe für Silbe, ohne daß ich
den Sinn seiner Worte verstehen konnte. Dennoch fielen sie mir tief ins Gehör, denn vor
etwa zwei Jahren fand ich sie eines Tages unten in meiner Erinnerung, und seither weiß
ich sie. Er sagte: »Du bist heftig, Kammerherr, und unhöflich. Was läßt du die Leute nicht
an ihre Beschäftigungen gehn?« »Wer ist das?« schrie mein Va ter dazwischen. »Jemand,
der wohl das Recht hat, hier zu sein. Keine Fremde. Christine Brahe.« - Da entstand
wieder jene merkwürdig dünne Stille, und wieder fing das Glas an z u zittern. Dann aber riß
sich mein Vater mit einer Bewegung los und stürzte aus dem Saale.
Ich hörte ihn die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen; denn auch ich konnte
nicht schlafen. Aber plötzlich gegen Morgen erwachte ich doch aus irgend etwas
Schlafähnlichem und sah mit einem Entsetzen, das mich bis ins Herz hinein lähmte, etwas
Weißes, das an meinem Bette saß. Meine Verzweiflung gab mir schlie ßlich die Kraft, den
Kopf unter die Decke zu stecken, und dort begann ich aus Angst und Hü lflosigkeit zu
weinen. Plötzlich wurde es kühl und hell über meinen weinenden Augen; ich drückte sie,
um nichts sehen zu müssen, über den Tränen zu. Aber die Stimme, die nun von ganz
nahe auf mich einsprach, kam lau und süßlich an mein Gesicht, und ich erkannte sie: es
war Fräulein Mathildes Stimme. Ich beruhigte mich sofort und ließ mich trotzdem, auch als
ich schon ganz ruhig war, immer noch weiter trösten; ich fühlte zwar, daß diese Güte zu
weichlich sei, aber ich genoß sie dennoch und meinte sie irgendwie ve rdient zu haben.
»Tante«, sagte ich schließlich und versuchte in ihrem zerflosse nen Gesicht die Züge
meiner Mutter zusammenzufassen: »Tante, wer war die Dame?«
»Ach«, antwortete das Fräulein Brahe mit einem
Unglückliche, mein Kind, eine Unglückliche.«
Am Morgen dieses Tages bemerkte ich in einem Zimmer einige Bediente, die mit Packen
beschäftigt waren. Ich dachte, daß wir reisen würden, ich fand es ganz natürlich, daß wir
nun reisten. Vielleicht war das auch meines Vaters Absicht. Ich habe nie erfahren, was ihn
bewog, nach jenem Abend noch auf Urnekloster zu bleiben. Aber wir reisten nicht. Wir
hielten uns noch acht Wochen oder neun in diesem Hause auf, wir ertrugen den Druck
seiner Seltsamkeiten, und wir sahen noch dreimal Christine Brahe.
Ich wußte damals nichts von ihrer Geschichte. Ich wußte nicht, daß sie vor langer, langer
Zeit in ihrem zweiten Kindbett gestorben war, einen Knaben gebärend, der zu einem
bangen und grausamen Schicksal heranwuchs, - ich wußte nicht, daß sie eine Gestorbene
war. Aber mein Vater wußte es. Hatte er, der leidenschaftlich war und auf Konsequenz
und Klarheit angelegt, sich zwingen wollen, in Fassung und ohne zu frage n, dieses
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