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Abenteuer auszuhalten? Ich sah, ohne
zu begreifen, wie er mit sich kämpfte, ich erlebte
es, ohne zu verstehen, wie er sich endlich
bezwang. Das war,
als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen. Dieses Mal war auch Fräulein
Mathilde zu Tische
erschienen; aber sie war anders als sonst. Wie in den ersten Tagen
nach unserer Ankunft sprach sie unaufhörlich
ohne bestimmten Zusammen hang und fortwährend
sich verwirrend, und dabei war eine körperliche Unruhe in ihr, die sie nötigte,
sich beständig
etwas am Haar oder am Kleide zu richten, - bis sie unvermutet mit einem
hohen klagenden Schrei aufsprang und
verschwand. In
demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkürlich nach der
gewissen Türe, und
wirklich: Christine Brahe trat ein. Mein Nachbar, der Major, machte eine heftige,
kurze Bewegung,
die sich in meinen Körper fortpflanzte, aber er hatte offenbar keine Kraft
mehr, sich zu
erheben. Sein braunes, altes, fleckiges Gesicht wendete sich von einem zum
andern, sein Mund stand offen, und
die Zunge wand sich hinter den verdorbenen Zähnen;
dann auf einmal war dieses Gesicht
fort, und sein grauer Kopf lag auf de m Tische, und seine
Arme lagen wie in Stücken darüber und darunter, und irgendwo kam eine
welke, fleckige
Hand hervor und bebte. Und
nun ging Christine Brahe vorbei, Schritt für Schritt, langsam wie eine Kranke,
durch unbeschreibliche
Stille, in die nur ein einziger wimmernder Laut hineink lang wie eines
alten Hundes. Aber da schob sich links
von dem großen silbernen Schwan, der mit Narzissen
gefüllt war, die große Maske des Alten hervor mit ihrem grauen Lächeln.
Er hob sein Weinglas
meinem Vater zu. Und nun sah ich, wie mein Vater, gerade als Christine
Brahe hinter seinem Sessel vorüberkam,
nach seinem Glase griff und es wie etwas sehr Schweres
eine Handbreit über den Tisch hob. Und
noch in dieser Nacht reisten wir.
Bi Ich
sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man s pürt
sie nicht. Sie
sind in den Büchern. Manchmal bewogen sie sich in den Blättern , wie
Menschen, die schlafen
und sich umwenden zwischen zwei Träumen. Ach, wie gut ist es doch, unter
lesenden Menschen
zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du kannst hing ehen zu
einem und ihn leise anrühren:
er fühlt nichts. Und stößt du einen Nachbar beim Aufstehen
ein wenig an und entschuldigst dich,
so nickt er nach der Seite, auf der er deine Stimme hört,
sein Gesicht wendet sich dir zu und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das
Haar eines Schlafenden.
Wie wohl das tut. Und ich sitze und habe einen Dichte r. Was für ein
Schicksal. Es sind jetzt vielleicht
dreihundert Leute im Saale, die lese n; aber es ist unmöglich,
daß sie jeder einzelne einen Dichter haben. (Weiß Gott, was sie haben.)
Dreihundert Dichter
giebt es nicht. Aber sieh nur, was für ein Schicksal, ich, vielleicht der
armsäligste
von diesen Lesenden, ein Ausländer: ich habe einen Dic hter. Obwohl ich arm
bin. Obwohl mein
Anzug, den ich täglich trage, anfängt, gewisse Stellen zu bekommen,
obwohl gegen
meine Schuhe sich das und jenes einwenden ließe. Zwar me in Kragen ist
rein, meine Wäsche auch, und ich
könnte, wie ich bin, in eine beli ebige Konditorei gehen,
womöglich auf den großen
Boulevards, und könnte mit meiner Hand getrost in einen
Kuchenteller greifen und etwas nehmen.
Man würde nichts Auffälliges darin finden und
mich nicht schelten und hinausweisen,
denn es ist immerhin eine Hand aus den guten Kreisen,
eine Hand, die vier- bis fünfmal täglich gewaschen wird. Ja, es ist
nichts hinter den
Nägeln, der Schreibfinger ist ohne Tinte, und besonders die Gelenke sind
tadellos. Bis dorthin
waschen arme Leute sich nicht, das ist eine bekannte Tatsache. M an kann also
aus ihrer Reinlichkeit
gewisse Schlüsse ziehen. Man zieht sie auch. In den Geschäften
zieht man sie. Aber es giebt doch ein
paar Existenzen, auf dem Boulevard Saint-Michel zum
Beispiel und in der rue Racine, die lassen sich nicht irremachen, die pfeifen
auf die Gelenke.
Die sehen mich an und wissen es. Die wissen, daß ich eigentl ich zu ihnen
bliothèque
Nationale.
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