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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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nichts dagegen tun, daß meine Angst dennoch wuchs. Ich wußte, daß , während er ging und mit unendlicher Anstrengung versuchte, gleichgültig und zerstreut auszusehen, das furchtbare Zucken in seinem Körper sich anhäufte; auch in mir war die Angst, mit der er es wachsen und wachsen fühlte, und ich sah, wie er sich an den Stock kla mmerte, wenn es innen in ihm zu rütteln begann. Dann war der Ausdruck dieser Hände  so unerbittlich und streng, daß ich alle Hoffnung in seinen Willen setzte, der groß sein mußte. Aber was war da ein Wille. Der Augenblick mußte kommen, da seine Kraft zu Ende war, er konnte nicht weit sein. Und ich, der ich hinter ihm herging mit stark schlagendem Herzen, ich legte mein bißchen Kraft zusammen wie Geld, und indem ich auf seine Händ e sah, bat ich ihn, er möchte nehmen, wenn er es brauchte. Ich glaube, daß er es genommen hat; was konnte ich dafür, daß e s nicht mehr war. Auf der Place St-Michel waren viele Fahrzeuge und hin und her eilende Leute, wir waren oft zwischen zwei Wagen, und dann holte er Atem und ließ sich ein wen ig gehen, wie um auszuruhen, und ein wenig hüpfte es und nickte ein wenig. Vielleicht war das die List, mit der die gefangene Krankheit ihn überwinden wollte. Der Wille war an zwei Stellen durchbrochen, und das Nachgeben hatte in den besessenen Muskeln einen le isen, lockenden Reiz zurückgelassen und den zwingenden Zweitakt. Aber der S tock war noch an seinem Platz, und die Hände sahen böse und zornig aus; so betra ten wir die Brücke, und es ging. Es ging. Nun kam etwas Unsicheres in den Gang, nun lief er zwei Schritte, und nun stand er. Stand. Die linke Hand löste sich leise vom Stock ab  und hob sich so langsam empor, daß ich sie vor der Luft zittern sah; er schob den Hut  ein wenig zurück und strich sich über die Stirn. Er wandte ein wenig den Kopf, und sein Blick schwankte über Himmel, Häuser und Wasser hin, ohne zu fassen, und dann gab e r nach. Der Stock war fort, er spannte die Arme aus, als ob er auffliegen wollte, und es b rach aus ihm aus wie eine Naturkraft und bog ihn vor und riß ihn zurück und ließ  ihn nicken und neigen und schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter die Menge. Denn schon waren viele Leute um ihm und ich sah ihn nicht mehr. Was hätte es für einen Sinn gehabt, noch irgendwohin zu gehen, ich  war leer. Wie in leeres Papier trieb ich an den Häusern entlang, den Boulevard wieder hinauf. Ich versuche es, Dir zu schreiben, obwohl es eigentlich nichts giebt nach  einem notwendigen Abschied. Ich versuche es dennoch, ich glaube, ich muß es tun, weil ich die Heilige gesehen habe im Pantheon, die einsame, heilige Frau und das Dach und die Tür und drin die Lampe mit dem bescheidnen Lichtkreis und drüben d ie schlafende Stadt und den Fluß und die Ferne im Mondschein. Die Heilige wacht über der schlafenden Stadt. Ich habe geweint. Ich habe geweint, weil das alles auf einmal so unerwar tet da war. Ich habe davor geweint, ich wußte mir nicht zu helfen. Ein Briefentwurf. Ich bin in Paris, die es hören freuen sich, die meisten beneiden mich . Sie haben recht. Es ist eine große Stadt, groß, voll merkwürdiger Versuchungen. Was  mich betrifft, ich muß zugeben, daß ich ihnen in gewisser Beziehung erlegen bin. Ich glaube,  es läßt sich nicht anders sagen. Ich bin diesen Versuchungen erlegen, und das hat gewisse Veränderungen zur Folge gehabt, wenn nicht in meinem Charakter, so doch in meiner Weltanschauung, jedenfalls in meinem Leben. Eine vollkommen andere Auffassung aller Dinge hat sich unter diesen Einflüssen in mir herausgebildet, es sind gewisse Unterschiede da, die mich von den Menschen mehr als alles Bisherige abtrennen. Eine veränderte Welt. Ein neues Leben voll neuer Bedeutungen. Ich habe es augenblicklich etwas schwer, w eil alles zu neu ist. Ich bin ein Anfänger in meinen eigenen Verhältnissen. Ob es nicht möglich wäre, einmal das Meer zu sehen?
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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