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Damals zuerst fiel es mir auf, daß
man von einer Frau nichts sagen könne; ich merkte,
wenn sie von ihr erzählten, wie
sie sie aussparten, wie sie die anderen nannten und beschrieben,
die Umgebungen, die Örtlichkeiten, die Gegenstände bis an eine
bestimmte Stelle heran, wo das alles
aufhörte, sanft und gleichsam vorsichtig aufhörte mit
dem leichten, niemals nachgezogenen
Kontur, der sie einschloß. Wie war sie? fragte ich
dann. »Blond, ungefähr wie
du«, sagten sie und zählten allerhand auf, was sie sonst noch
wußten; aber darüber wurde
sie wieder ganz ungenau, und ich konnte mir nichts mehr
vorstellen. Sehen
eigentlich konnte ich sie nur, wenn Maman mir die Geschichte erzählt e,
die ich immer wieder verlangte -.
- Dann pflegte sie jedesmal, wenn sie
zu der Szene mit dem Hunde kam, di e Augen zu schließen
und das ganz verschlossene, aber überall durchscheinende Gesicht irgendwie
inständig
zwischen ihre beiden Hände zu halten, die es kalt an den Schläfen berührten.
»Ich hab
es gesehen, Malte«, beschwor sie: »Ich hab es gesehen. « Das war
schon in ihren
letzten Jahren, da ich dies von ihr gehört habe. In der Zeit, wo sie niemanden
mehr sehen wollte
und wo sie immer, auch auf Reisen, das kleine, dichte, silb erne Sieb bei sich
hatte, durch
das sie alle Getränke seihte. Speisen von fester Form nahm sie nie mehr zu
sich, es sei
denn etwas Biskuit oder Brot, das sie, wenn sie allein war, zerbröckelte
und Krümel
für Krümel aß, wie Kinder Krümel essen. Ihre Angst vor Nadeln
beherrschte sie damals
schon völlig. Zu den anderen sagte sie nur, um sich zu entschuldigen: »Ich
vertrage rein
nichts mehr, aber es muß euch nicht stören, ich befinde mich ausgezeichnet
dabei.«
Zu mir aber konnte
sie sich plötzlich hinwenden (denn ich war schon ein bißchen
erwachsen) und mit einem Lächeln,
das sie sehr anstrengte, sagen: »Was es doch für
viele Nadeln giebt, Malte, und wo sie
überall herumliegen, und wenn man bedenkt, wie leicht
sie herausfallen
« Sie hielt darauf, es recht scherzend zus agen; aber
das Entsetzen
schüttelte sie bei dem Gedanken an alle die schlecht befestigten Nadeln,
die jeden Augenblick
irgendwo hineinfallen konnten.
Wenn sie aber von Ingeborg erzählte,
dann konnte ihr nichts geschehen; dann schonte
sie sich nicht; dann sprach sie lauter, dann lachte sie in der Erinnerung an
Ingeborgs Lachen, dann sollte man sehen,
wie schön Ingeborg gewesen war. »Sie machte
uns alle froh«, sagte sie, »deinen Vater auch, Malte, buchstäblich
froh. Aber dann, als
es hieß, daß sie sterben würde, obwohl sie doch nur ein wenig krank
schien, und wir gingen
alle herum und verbargen es, da setzte sie sich einmal im Bette a uf und sagte
so vor sich hin,
wie einer, der hören will, wie etwas klingt: Ihr müßt euch
nicht so zusammennehmen;
wir wissen es alle, und ich kann euch beruhigen, es ist gut so wie es
kommt, ich mag nicht mehr. Stell
dir vor, sie sagte: Ich mag nicht mehr; sie, die uns alle
froh machte. Ob du das einmal verstehen
wirst, wenn du groß bist, Mal te? Denk daran später,
vielleicht fällt es dir ein. Es wäre ganz gut, wenn es jemanden
gäbe, der solche Sachen
versteht.« »Solche
Sachen« beschäftigten Maman, wenn sie allein war, und s ie war immer
allein diese
letzten Jahre. »Ich
werde ja nie darauf kommen, Malte«, sagte sie manchmal mit ihrem eigentümlich
kühnen Lächeln,
das von niemandem gesehen sein wollte und seinen Zweck ganz erfüllte,
indem es gelächelt ward. »Aber
daß es keinen reizt, das herausz ufinden; wenn ich ein
Mann wäre, ja gerade wenn ich
ein Mann wäre, würde ich darüb er nachdenken, richtig der
Reihe und Ordnung nach und von Anfang
an. Denn einen Anfang muß es do ch geben, und
wenn man ihn zu fassen bekäme, das wäre immer schon etwas. Ach Malte,
wir gehen so
hin, und mir kommt vor, daß alle zerstreut sind und beschäftigt und
nicht recht achtgeben,
wenn wir hingehen. Als ob eine Sternschnuppe fiele und es sieht sie keiner
und keiner hat sich etwas gewünscht.
Vergiß nie, dir etwas zu wünschen, Malte.
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