| |
(Was übrigens
meinen Vater betraf, so war seine Haltung Gott gegenüber vollkommen
korrekt und von tadelloser Höflichkeit.
In der Kirche schien es mir manchmal, als wäre er geradezu
Jägermeister bei Gott, wenn er dastand und abwartete und sich verneigte.
Maman dagegen
erschien es fast verletzend, daß jemand zu Gott in einem höflichen
Verhältnis stehen konnte. Wäre
sie in eine Religion mit deutlichen und ausführlichen
Gebräuchen geraten, es wäre
eine Seligkeit für sie gewesen, stundenlang zu knien und
sich hinzuwerfen und sich recht mit
dem großen Kreuz zu gebärden vor der Brust und um
die Schultern herum. Sie lehrte mich
nicht eigentlich beten, aber es war ihr eine Beruhigung,
daß ich gerne kniete und die Hände bald gekrümmt und bald aufrecht
faltete, wie es
mir gerade ausdrucksvoller schien. Ziemlich in Ruhe gelassen, machte ich
frühzeitig eine Reihe von Entwickelungen
durch, die ich erst viel später in einer Zeit der Verzweiflung
auf Gott bezog, und zwar mit solcher Heftigkeit, daß er sich bildete und
zersprang, fast
in demselben Augenblick. Es ist klar, daß ich ganz von vorn anfangen
mußte hernach. Und bei diesem
Anfang meinte ich manchmal, Maman nötig zu haben, obwohl
es ja natürlich richtiger war, ihn allein durchzumachen. Und da war sie ja
auch schon lange
tot.)*
Dr. Jespersen
gegenüber konnte Maman beinah ausgelassen sein. Sie lie ß sich in
Gespräche mit ihm ein, die er
ernst nahm, und wenn er dann sich reden hörte, meinte sie,
das genüge, und vergaß ihn
plötzlich, als wäre er schon fort. »Wie kann er nur«, sagte
sie manchmal
von ihm, »herumfahren und hineingehen zu den Leuten, wenn sie gerade
sterben.«
Er kam auch zu ihr bei dieser Gelegenheit,
aber sie hat ihn sicher nicht mehr gesehen. Ihre
Sinne gingen ein, einer nach dem andern, zuerst das Gesicht. Es war im Herbst,
man sollte schon
in die Stadt ziehen, aber da erkrankte sie gerade, oder vielmehr, sie fing
gleich an zu sterben, langsam und trostlos
abzusterben an der ganzen Oberfläche. Die Ärzte
kamen, und an einem bestimmten Tag waren sie alle zusammen da und
beherrschten das ganze Haus. Es war
ein paar Stunden lang, als gehört e es nun dem Geheimrat
und seinen Assistenten und als hätten wir nichts mehr zu sagen. Aber gleich
danach verloren
sie alles Interesse, kamen nur noch einzeln, wie aus purer Höflichkeit, um
eine Zigarre
anzunehmen und ein Glas Portwein. Und Maman starb indessen.
Man wartete nur noch auf Mamans einzigen
Bruder, den Grafen Christian Brahe, der, wie man
sich noch erinnern wird, eine Zeitlang in türkischen Diensten gestanden hatte,
wo er, wie es
immer hieß, sehr ausgezeichnet worden war. Er kam eines Morgen s an in
Begleitung eines fremdartigen Dieners,
und es überraschte mich, zu sehen, daß er größer
war als Vater und scheinbar auch älter.
Die beiden Herren wechselten sofort einige Worte, die
sich, wie ich vermutete, auf Maman bezogen. Es entstand eine Pause. Dann
sagte mein Vater:
»Sie ist sehr entstellt.« Ich begriff diesen Ausdruck nicht, aber es
fröstelte mich,
da ich ihn hörte. Ich hatte den Eindruck, als ob auch mein Vater sich hätte
überwinden
müssen, ehe er ihn aussprach. Aber es war wohl vor allem sein Stolz, der
litt, indem er
dies zugab.
Mehrere Jahre später erst hörte
ich wieder von dem Grafen Christian reden. Es war auf
Urnekloster, und Mathilde Brahe war es, die mit Vorliebe von ihm spr ach. Ich
bin indessen
sicher, daß sie die einzelnen Episoden ziemlich eigenmäch tig
ausgestaltete, denn das Leben meines
Onkels, von dem immer nur Gerüch te in die Öffentlichkeit
und selbst in die Familie drangen, Gerüchte, die er nie widerlegte, war
geradezu grenzenlos auslegbar. Urnekloster
ist jetzt in seinem Besitz. Aber niemand weiß, ob
er es bewohnt. Vielleicht reist er immer noch, wie es seine Gewohnheit war; vielleicht
ist die Nachricht
seines Todes aus irgendeinem äußersten Erdteil unterwegs, von der
*
Im
Manuskript an den Rand geschrieben.
|  |
|
| |
|
|