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ihre Nähe. Ich weiß nicht, ob sie sonst etwas liebte. Es wurde erz ählt, daß sie als ganz
junges Mädchen dem schönen Felix Lichnowski verlobt gewesen sei, der dann in Frankfurt
so grausam ums Leben kam. Und in der Tat war nach ihrem Tode ein Bildnis des Fürsten
da, das, wenn ich nicht irre, an die Familie zurückgegeben worden ist . Vielleicht, denke ich
mir jetzt, versäumte sie über diesem eingezogenen ländlichen Le ben, das das Leben auf
Ulsgaard von Jahr zu Jahr mehr geworden war, ein anderes, glänzendes: ihr natürliches.
Es ist schwer zu sagen, ob sie es betrauerte. Vielleicht verachtete sie es dafür, daß es
nicht gekommen war, daß es die Gelegenheit verfehlt hatte, mit Geschick und Talent
gelebt worden zu sein. Sie hatte alles dies so weit in sich hineingenommen und hatte
darüber Schalen angesetzt, viele, spröde, ein wenig metallisch glänzende Schalen, deren
jeweilig oberste sich neu und kühl ausnahm. Bisweilen freilich verrie t sie sich doch durch
eine naive Ungeduld, nicht genügend beachtet zu sein; zu meiner Zeit konnte sie sich
dann bei Tische plötzlich verschlucken auf irgendeine deutliche und komplizierte Art, die
ihr die Teilnahme aller sicherte und sie, für einen Augenblick wenigstens, so sensationell
und spannend erscheinen ließ, wie sie es im Großen hätte sein m ögen. Indessen vermute
ich, daß mein Vater der einzige war, der diese viel zu häufigen Zufälle ernst nahm. Er sah
ihr, höflich vornübergeneigt, zu, man konnte merken, wie er ihr in Gedanken seine eigene,
ordentliche Luftröhre gleichsam anbot und ganz zur Verfügung stellte. Der Kammerherr
hatte natürlich gleichfalls zu essen aufgehört; er nahm einen klei nen Schluck Wein und
enthielt sich jeder Meinung.
Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin gegenü ber
aufrechterhalten. Das war lange her; aber die Geschichte wurde doch noch boshaft und
heimlich weitergegeben; es gab fast überall jemanden, der sie noch nicht gehört hatte. Es
hieß, daß die Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr über Weinflecke ereifern
konnte, die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug gerieten; daß ein solcher Fleck, bei
welchem Anlaß er auch passieren mochte, von ihr bemerkt und unter dem heftigsten
Tadel sozusagen bloßgestellt wurde. Dazu wäre es auch einmal gekom men, als man
mehrere und namhafte Gäste hatte. Ein paar unschuldige Flecke, die sie übertrieb,
wurden der Gegenstand ihrer höhnischen Anschuldigungen, und wie sehr der Großvater
sich auch bemühte, sie durch kleine Zeichen und scherzhafte Zurufe zu ermahnen, so
wäre sie doch eigensinnig bei ihren Vorwürfen geblieben, die sie d ann allerdings mitten im
Satze stehen lassen mußte. Es geschah nämlich etwas nie Dagewesene s und völlig
Unbegreifliches. Der Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen, der gerade
herumgereicht worden war, und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei, sein Glas selber
zu füllen. Nur daß er, wunderbarerweise, einzugießen nicht aufhörte, als es längst voll
war, sondern unter zunehmender Stille langsam und vorsichtig weitergoß, bis Maman, die
nie an sich halten konnte, auflachte und damit die ganze Angelegenheit n ach dem Lachen
hin in Ordnung brachte. Denn nun stimmten alle erleichtert ein, und der Kammerherr sah
auf und reichte dem Diener die Flasche.
Später gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Großmutter. Sie konnte es
nicht ertragen, daß jemand im Hause erkrankte. Einmal, als die Köchin sich verletzt hatte
und sie sah sie zufällig mit der eingebundenen Hand, behauptete sie, das Jodoform im
ganzen Hause zu riechen, und war schwer zu überzeugen, daß man die Person daraufhin
nicht entlassen könne. Sie wollte nicht an das Kranksein erinnert werden. Hatte jemand
die Unvorsichtigkeit, vor ihr irgendein kleines Unbehagen zu äußern, so war das nichts
anderes als eine persönliche Kränkung für sie, und sie trug sie ihm lange nach.
In jenem Herbst, als Maman starb, schloß sich die Kammerherrin mit Sophie Oxe ganz in
ihren Zimmern ein und brach allen Verkehr mit uns ab. Nicht einmal ihr S ohn wurde
angenommen. Es ist ja wahr, dieses Sterben fiel recht unpassend. Die Zimmer waren kalt,
die Öfen rauchten, und die Mäuse waren ins Haus gedrungen; man war nirgends sicher
vor ihnen. Aber das allein war es nicht, Frau Margarete Brigge war empö rt, daß Maman
starb; daß da eine Sache auf der Tagesordnung stand, von der zu sprechen sie ablehnte;
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