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daß die junge Frau sich den Vortritt
anmaßte vor ihr, die einmal zu sterben gedachte zu
einem durchaus noch nicht festgesetzten
Termin. Denn daran, daß sie würde sterben müssen,
dachte sie oft. Aber sie wollte nicht gedrängt sein. Sie würde sterben,
gewiß, wann
es ihr gefiel, und dann konnten sie ja alle ruhig sterben, hinterher, wenn sie
es so eilig hatten.
Mamans Tod verzieh
sie uns niemals ganz. Sie alterte übrigens rasch w ährend des
folgenden Winters. Im Gehen war sie
immer noch hoch, aber im Sessel sank sie zusammen,
und ihr Gehör wurde schwieriger. Man konnte sitzen und sie groß ansehen,
stundenlang, sie
fühlte es nicht. Sie war irgendwo drinnen; sie kam nur noch selten und
nur für Augenblicke in ihre Sinne,
die leer waren, die sie nicht mehr bewohnte. Dann sagte
sie etwas zu der Komtesse, die ihr
die Mantille richtete, und nahm mit den großen, frisch
gewaschenen Händen ihr Kleid an
sich, als wäre Wasser vergossen od er als wären wir
nicht ganz reinlich.
Sie starb gegen den Frühling zu,
in der Stadt, eines Nachts. Sophie O xe, deren Tür
offenstand, hatte nichts gehört.
Da man sie am Morgen fand, war sie kalt wie Glas. Gleich
darauf begann des Kammerherrn große und schreckliche Krankheit . Es war,
als hätte
er ihr Ende abgewartet, um so rücksichtslos sterben zu kö nnen, wie
er mußte.
Es war in dem Jahr nach Mamans Tode,
daß ich Abelone zuerst bemerkte. Abelone war
immer da. Das tat ihr großen Eintrag. Und dann war Abelone unsympathisch,
das hatte ich
ganz früher einmal bei irgendeinem Anlaß festgestellt, u nd es war nie
zu einer ernstlichen
Durchsicht dieser Meinung gekommen. Zu fragen, was es mit Abelone
für eine Bewandtnis habe, das
wäre mir bis dahin beinah lächerl ich erschienen. Abelone
war da, und man nutzte sie ab, wie
man eben konnte. Aber auf einmal fragte ich mich: Warum
ist Abelone da? Jeder bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu se in, wenn er
auch keineswegs
immer so augenscheinlich war, wie zum Beispiel die Anwen dung des
Fräuleins Oxe. Aber weshalb war
Abelone da? Eine Zeitlang war davon d ie Rede gewesen,
daß sie sich zerstreuen solle. Aber das geriet in Vergessenh eit. Niemand
trug etwas zu
Abelonens Zerstreuung bei. Es machte durchaus nicht den Eindruc k, daß sie
sich zerstreue.
Übrigens
hatte Abelone ein Gutes: sie sang. Das heißt, es gab Zeiten, wo sie sang.
Es war eine starke,
unbeirrbare Musik in ihr. Wenn es wahr ist, daß die Engel männlich sind,
so kann man wohl
sagen, daß etwas Männliches in ihrer Stimme war: eine strahlende,
himmlische Männlichkeit. Ich,
der ich schon als Kind der Musik gegenüber so mißtrauisch
war (nicht, weil sie mich stärker
als alles forthob aus mir, sondern, weil ich gemerkt hatte,
daß sie mich nicht wieder dort
ablegte, wo sie mich gefunden hatte, sondern tiefer, irgendwo
ganz ins Unfertige hinein), ich ertrug diese Musik, auf der man aufrecht
aufwärtssteigen konnte, höher
und höher, bis man meinte, dies müßte ungefähr schon der
Himmel sein seit einer Weile. Ich ahnte
nicht, daß Abelone mir noch andere Himmel öffnen
sollte. Zunächst
bestand unsere Beziehung darin, daß sie mir von Mamans Mä dchenzeit
erzählte.
Sie hielt viel darauf, mich zu überzeugen, wie mutig und jung Maman gewesen
wäre. Es
gab damals niemanden nach ihrer Versicherung, der sich im Tanzen oder im
Reiten mit ihr messen konnte. »Sie
war die Kühnste und unermüdl ich, und dann heiratete
sie auf einmal«, sagte Abelone,
immer noch erstaunt nach so vielen Jahren. »Es kam so
unerwartet, niemand konnte es recht
begreifen.« Ich
interessierte mich dafür, weshalb Abelone nicht geheiratet hatte. Sie kam
mir alt vor verhältnismäßig,
und daß sie es noch könnte, daran dachte ich nicht.
»Es war niemand da«, antwortete
sie einfach und wurde richtig schö n dabei. Ist Abelone
schön? fragte ich mich überrascht.
Dann kam ich fort von Hause, au f die Adels-Akademie, und
es begann eine widerliche und arge Zeit. Aber wenn ich dort zu Sorö , abseits
von den
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