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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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daß die junge Frau sich den Vortritt anmaßte vor ihr, die einmal zu sterben gedachte zu einem durchaus noch nicht festgesetzten Termin. Denn daran, daß sie würde sterben müssen, dachte sie oft. Aber sie wollte nicht gedrängt sein. Sie würde sterben, gewiß, wann es ihr gefiel, und dann konnten sie ja alle ruhig sterben, hinterher, wenn sie es so eilig hatten. Mamans Tod verzieh sie uns niemals ganz. Sie alterte übrigens rasch w ährend des folgenden Winters. Im Gehen war sie immer noch hoch, aber im Sessel sank  sie zusammen, und ihr Gehör wurde schwieriger. Man konnte sitzen und sie groß ansehen, stundenlang, sie fühlte es nicht. Sie war irgendwo drinnen; sie kam nur noch selten und nur für Augenblicke in ihre Sinne, die leer waren, die sie nicht mehr bewohnte. Dann sagte sie etwas zu der Komtesse, die ihr die Mantille richtete, und nahm mit den großen, frisch gewaschenen Händen ihr Kleid an sich, als wäre Wasser vergossen od er als wären wir nicht ganz reinlich. Sie starb gegen den Frühling zu, in der Stadt, eines Nachts. Sophie O xe, deren Tür offenstand, hatte nichts gehört. Da man sie am Morgen fand, war sie kalt wie Glas. Gleich darauf begann des Kammerherrn große und schreckliche Krankheit . Es war, als hätte er ihr Ende abgewartet, um so rücksichtslos sterben zu kö nnen, wie er mußte. Es war in dem Jahr nach Mamans Tode, daß ich Abelone zuerst bemerkte. Abelone war immer da. Das tat ihr großen Eintrag. Und dann war Abelone unsympathisch, das hatte ich ganz früher einmal bei irgendeinem Anlaß festgestellt, u nd es war nie zu einer ernstlichen Durchsicht dieser Meinung gekommen. Zu fragen, was es mit Abelone für eine Bewandtnis habe, das wäre mir bis dahin beinah lächerl ich erschienen. Abelone war da, und man nutzte sie ab, wie man eben konnte. Aber auf einmal fragte ich mich: Warum ist Abelone da? Jeder bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu se in, wenn er auch keineswegs immer so augenscheinlich war, wie zum Beispiel die Anwen dung des Fräuleins Oxe. Aber weshalb war Abelone da? Eine Zeitlang war davon d ie Rede gewesen, daß sie sich zerstreuen solle. Aber das geriet in Vergessenh eit. Niemand trug etwas zu Abelonens Zerstreuung bei. Es machte durchaus nicht den Eindruc k, daß sie sich zerstreue. Übrigens hatte Abelone ein Gutes: sie sang. Das heißt, es gab Zeiten, wo sie sang. Es war eine starke, unbeirrbare Musik in ihr. Wenn es wahr ist, daß die Engel männlich sind, so kann man wohl sagen, daß etwas Männliches in ihrer Stimme war: eine strahlende, himmlische Männlichkeit. Ich, der ich schon als Kind der Musik gegenüber so mißtrauisch war (nicht, weil sie mich stärker als alles forthob aus mir, sondern, weil ich gemerkt hatte, daß sie mich nicht wieder dort ablegte, wo sie mich gefunden hatte, sondern tiefer, irgendwo ganz ins Unfertige hinein), ich ertrug diese Musik, auf der man aufrecht aufwärtssteigen konnte, höher und höher, bis man meinte, dies müßte ungefähr schon der Himmel sein seit einer Weile. Ich ahnte nicht, daß Abelone mir noch andere Himmel öffnen sollte. Zunächst bestand unsere Beziehung darin, daß sie mir von Mamans Mä dchenzeit erzählte. Sie hielt viel darauf, mich zu überzeugen, wie mutig und jung Maman gewesen wäre. Es gab damals niemanden nach ihrer Versicherung, der sich im Tanzen oder im Reiten mit ihr messen konnte. »Sie war die Kühnste und unermüdl ich, und dann heiratete sie auf einmal«, sagte Abelone, immer noch erstaunt nach so vielen Jahren. »Es kam so unerwartet, niemand konnte es recht begreifen.« Ich interessierte mich dafür, weshalb Abelone nicht geheiratet hatte. Sie kam mir alt vor verhältnismäßig, und daß sie es noch könnte, daran dachte  ich nicht. »Es war niemand da«, antwortete sie einfach und wurde richtig schö n dabei. Ist Abelone schön? fragte ich mich überrascht. Dann kam ich fort von Hause, au f die Adels-Akademie, und es begann eine widerliche und arge Zeit. Aber wenn ich dort zu Sorö , abseits von den
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
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