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Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett geführt, d as im Rufe der
Unzugänglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in Augenschein zu ne hmen, denn man
setzte sie sofort gegen dem Grafen über an den Schreibtisch, der ihr wie eine Ebene
schien mit Büchern und Schriftstößen als Ortschaften.
Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, daß Graf Brahe seine Memoiren schriebe,
hatten nicht völlig unrecht. Nur daß es sich nicht um politische o der militärische
Erinnerungen handelte, wie man mit Spannung erwartete. »Die vergesse ich«, sagte der
alte Herr kurz, wenn ihn jemand auf solche Tatsachen hin anredete. Was e r aber nicht
vergessen wollte, das war seine Kindheit. Auf die hielt er. Und es war ganz in der
Ordnung, seiner Meinung nach, daß jene sehr entfernte Zeit nun in ihm die Oberhand
gewann, daß sie, wenn er seinen Blick nach innen kehrte, dalag wie in einer hellen
nordischen Sommernacht, gesteigert und schlaflos.
Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, daß sie flackerten. Oder ganze
Sätze mußten wieder durchgestrichen werden, und dann ging er heftig hin und her und
wehte mit seinem nilgrünen, seidenen Schlafrock. Während alledem war noch eine Person
zugegen, Sten, des Grafen alter, jütländischer Kammerdiener, dessen Aufgabe es war,
wenn der Großvater aufsprang, die Hände schnell über die einzel nen losen Blätter zu
legen, die, mit Notizen bedeckt, auf dem Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten die
Vorstellung, daß das heutige Papier nichts tauge, daß es viel zu leicht sei und davonfliege
bei der geringsten Gelegenheit. Und Sten, von dem man nur die lange obere Hälfte sah,
teilte diesen Verdacht und saß gleichsam auf seinen Händen, lichtblind und ernst wie ein
Nachtvogel.
Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu lese n, und
niemand von der Dienerschaft hätte je sein Zimmer betreten mögen, weil es hieß, daß er
zitiere. Die Familie Stens hatte seit je Umgang mit Geistern gehabt, und Sten war für
diesen Verkehr ganz besonders vorausbestimmt. Seiner Mutter war etwas er schienen in
der Nacht, da sie ihn gebar. Er hatte große, runde Augen, und das andere Ende seines
Blicks kam hinter jeden zu liegen, den er damit ansah. Abelonens Vater fragte ihn oft nach
den Geistern, wie man sonst jemanden nach seinen Angehörigen fragt: » Kommen sie,
Sten?« sagte er wohlwollend. »Es ist gut, wenn sie kommen.«
Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang. Aber dann konnte Abelone » Eckernförde«
nicht schreiben. Es war ein Eigenname, und sie hatte ihn nie gehört. Der Graf, der im
Grunde schon lange einen Vorwand suchte, das Schreiben aufzugeben, das z u langsam
war für seine Erinnerungen, stellte sich unwillig.
»Sie kann es nicht schreiben«, sagte er scharf, »und andere wer den es nicht lesen
können. Und werden sie es überhaupt sehen, was ich da sage?« fuhr er böse fort und ließ
Abelone nicht aus den Augen.
»Werden sie ihn sehen, diesen Saint-Germain?« schrie er sie an. » Haben wir Saint-
Germain gesagt? streich es durch. Schreib: der Marquis von Belmare.«
Abelone strich durch und schrieb. Aber der Graf sprach so schnell weiter, daß man nicht
mitkonnte.
»Er mochte Kinder nicht leiden, dieser vortreffliche Belmare, aber mich nahm er auf sein
Knie, so klein ich war, und mir kam die Idee, in seine Diamantknöpfe zu beißen. Das freute
ihn. Er lachte und hob mir den Kopf, bis wir einander in die Augen sahen : Du hast
ausgezeichnete Zähne, sagte er, Zähne, die etwas unternehmen
- Ich aber merkte mir
seine Augen. Ich bin später da und dort herumgekommen. Ich habe allerhand Augen
gesehen, kannst du mir glauben: solche nicht wieder. Für diese Augen hätte nichts da sein
müssen, die hattens in sich. Du hast von Venedig gehört? Gut. Ich sage dir, die hätten
Venedig hier hereingesehen in dieses Zimmer, daß es da gewesen wär e, wie der Tisch.
Ich saß in der Ecke einmal und hörte, wie er meinem Vater von Persien erzählte,
manchmal mein ich noch, mir riechen die Hände davon. Mein Vater schä tzte ihn, und
Seine Hoheit, der Landgraf, war so etwas wie sein Schüler. Aber es ga b natürlich genug,
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