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die ihm übelnahmen, daß er an die Vergangenheit nur glaubte, wenn sie in ihm war. Das
konnten sie nicht begreifen, daß der Kram nur Sinn hat, wenn man damit geboren wird.«
»Die Bücher sind leer«, schrie der Graf mit einer wütenden Gebärde nach den Wänden
hin, »das Blut, darauf kommt es an, da muß man drin lesen können. Er hatte wunderliche
Geschichten drin und merkwürdige Abbildungen, dieser Belmare; er konnte aufschlagen,
wo er wollte, da war immer was beschrieben; keine Seite in seinem Blut war überschlagen
worden. Und wenn er sich einschloß von Zeit zu Zeit und allein drin blätterte, dann kam er
zu den Stellen über das Goldmachen und über die Steine und über die Farben. Warum
soll das nicht darin gestanden haben? es steht sicher irgendwo.«
»Er hätte gut mit einer Wahrheit leben können, dieser Mensch, wenn er allein gewesen
wäre. Aber es war keine Kleinigkeit, allein zu sein mit einer solchen. Und er war nicht so
geschmacklos, die Leute einzuladen, daß sie ihn bei seiner Wahrheit besuchten; die sollte
nicht ins Gerede kommen: dazu war er viel zu sehr Orientale. Adieu, Madame, sagte er
ihr wahrheitsgemäß, auf ein anderes Mal. Vielleicht ist man in tausend Jahren etwas
kräftiger und ungestörter. Ihre Schönheit ist ja doch erst im Werden, Madame, sagte er,
und das war keine bloße Höflichkeit. Damit ging er fort und legte draußen für die Leute
seinen Tierpark an, eine Art Jardin dAcclim
man bei uns noch nie gesehen hatte, und ein Palmenhaus von Übertreibu ngen und eine
kleine, gepflegte Figuerie falscher Geheimnisse. Da kamen sie von allen Seiten, und er
ging herum mit Diamantschnallen an den Schuhen und war ganz für seine Gäste da.«
»Eine oberflächliche Existenz: wie? Im Grunde wars doch eine Ritte rlichkeit gegen seine
Dame, und er hat sich ziemlich dabei konserviert.«
Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf Abelone ein, die er vergessen hatte.
Er ging wie rasend auf und ab und warf herausfordernde Blicke auf Sten, als sollte Sten in
einem gewissen Augenblicke sich in den verwandeln, an den er dachte. Abe r Sten
verwandelte sich noch nicht.
»Man müßte ihn sehen«, fuhr Graf Brahe versessen fort. »Es gab eine Zeit, wo er
durchaus sichtbar war, obwohl in manchen Städten die Briefe, die er empfing, an
niemanden gerichtet waren: es stand nur der Ort darauf, sonst nichts. Aber ich hab ihn
gesehen.«
»Er war nicht schön.« Der Graf lachte eigentümlich eilig. » Auch nicht, was die Leute
bedeutend nennen oder vornehm: es waren immer Vornehmere neben ihm. Er war reich;
aber das war bei ihm nur wie ein Einfall, daran konnte man sich nicht halten. Er war gut
gewachsen, obzwar andere hielten sich besser. Ich konnte damals natürlich nicht
beurteilen, ob er geistreich war und das und dies, worauf Wert gelegt wird -; aber er war.«
Der Graf, bebend, stand und machte eine Bewegung, als stellte er etwas in den Raum
hinein, was blieb.
In diesem Moment gewahrte er Abelone.
»Siehst du ihn?« herrschte er sie an. Und plötzlich ergriff er den einen silbernen
Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht.
Abelone erinnerte sich, daß sie ihn gesehen habe.
In den nächsten Tagen wurde Abelone regelmäßig gerufen, und das Diktieren ging nach
diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter. Der Graf stellte nach allerhand Papieren seine
frühesten Erinnerungen an den Bernstorffschen Kreis zusammen, in dem sein Vater eine
gewisse Rolle spielte. Abelone war jetzt so gut auf die Besonderheiten ihrer Arbeit
eingestellt, daß, wer die beiden sah, ihre zweckdienliche Gemeinsamkeit leicht für ein
wirkliches Vertrautsein nehmen konnte.
Einmal, als Abelone sich schon zurückziehen wollte, trat der alte Herr auf sie zu, und es
war, als hielte er die Hände mit einer Überraschung hinter sich: »Morgen schreiben wir
von Julie Reventlow«, sagte er und kostete seine Worte: »das war e ine Heilige.«
Wahrscheinlich sah Abelone ihn ungläubig an.
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