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Wenn ich in die Gegend der Amaliengade kam, so konnte es freilich geschehen, daß von
irgendwo etwas ausging, was man jahrelang anerkannt hatte und was seine Macht noch
einmal versuchte. Es gab da gewisse Eckfenster oder Torbogen oder Laternen, die viel
von einem wußten und damit drohten. Ich sah ihnen ins Gesicht und ließ sie fühlen, daß
ich im Hôtel »Phönix« wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte. Aber mein
Gewissen war nicht ruhig dabei. Der Verdacht stieg in mir auf, daß noch keiner dieser
Einflüsse und Zusammenhänge wirklich bewältigt worden war. Man hatte sie eines Tages
heimlich verlassen, unfertig wie sie waren. Auch die Kindheit würde also gewissermaßen
noch zu leisten sein, wenn man sie nicht für immer verloren geben wol lte. Und während
ich begriff, wie ich sie verlor, empfand ich zugleich, daß ich nie et was anderes haben
würde, mich darauf zu berufen.
Ein paar Stunden täglich brachte ich in Dronningens Tværgade zu, in den engen Zimmer,
die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen, in denen jemand gestorbe n ist. Ich ging
zwischen dem Schreibtisch und dem großen weißen Kachelofen hin und her und
verbrannte die Papiere des Jägermeisters. Ic
sie zusammengebunden waren, ins Feuer zu werfen, aber die kleinen Pakete waren zu
fest verschnürt und verkohlten nur an den Rändern. Es kostete mich Überwindung, sie zu
lockern. Die meisten hatten einen starken, überzeugenden Duft, der auf mich eindrang, als
wollte er auch in mir Erinnerungen aufregen. Ich hatte keine. Dann konnte es geschehen,
daß Photographien herausglitten, die schwerer waren als das andere; diese
Photographien verbrannten unglaublich langsam. Ich weiß nicht, wie es kam, plötzlich
bildete ich mir ein, es könnte Ingeborgs Bild darunter sein. Aber sooft ich hinsah, waren es
reife, großartige, deutlich schöne Frauen, die mich auf andere Gedanken brachten. Es
erwies sich nämlich, daß ich doch nicht ganz ohne Erinnerungen war . Genau solche
Augenwaren es, in denen ich mich manchmal fand, wenn ich, zur Zeit da ich heranwuchs,
mit meinem Vater über die Straße ging. Dann konnten sie von einem Wageninnern aus
mich mit einem Blick umgeben, aus dem kaum hinauszukommen war. Nun wußte ich, daß
sie mich damals mit ihm verglichen und daß der Vergleich nicht zu mei nen Gunsten
ausfiel. Gewiß nicht, Vergleiche hatte der Jägermeister nicht zu fürchten.
Es kann sein, daß ich nun etwas weiß, was er gefürchtet hat. Ic h will sagen, wie ich zu
dieser Annahme komme. Ganz innen in seiner Brieftasche befand sich ein Papier, seit
lange gefaltet, mürbe, gebrochen in den Bügen. Ich habe es gelesen , bevor ich es
verbrannte. Es war von seiner besten Hand, sicher und gleichmäßig geschrieben, aber ich
merkte gleich, daß es nur eine Abschrift war.
»Drei Stunden vor seinem Tod«, so begann es und handelte von Christian dem Vierten.
Ich kann den Inhalt natürlich nicht wörtlich wiederholen. Drei Stunden vor seinem Tod
begehrte er aufzustehen. Der Arzt und der Kammerdiener Wormius halfen ihm auf die
Füße. Er stand ein wenig unsicher, aber er stand, und sie zogen ihm das gesteppte
Nachtkleid an. Dann setzte er sich plötzlich vorn an das Bettende und sagte etwas. Es war
nicht zu verstehen. Der Arzt behielt immerzu seine linke Hand, damit der König nicht auf
das Bett zurücksinke. So saßen sie, und der König sagte von Zei t zu Zeit mühsam und
trübe das Unverständliche. Schließlich begann der Arzt ihm zuzu sprechen; er hoffte
allmählich zu erraten, was der König meinte. Nach einer Weile unterbrach ihn der König
und sagte auf einmal ganz klar: »O, Doktor, Doktor, wie heißt er?« Der Arzt hatte Mühe,
sich zu besinnen.
»Sperling, Allergnädigster König.«
Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Der König, sobald er hörte, daß man ihn
verstand, riß das rechte Auge, das ihm geblieben war, weit auf und sa gte mit dem ganzen
Gesicht das eine Wort, das seine Zunge seit Stunden formte, das einzige, das es noch
gab: »Döden«, sagte er, »Döden.«*
*
Der Tod, der Tod.
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