| |
Battista Colonna sei, der schön wie ein Mädchen war und schmal in den Gelenken. Er
zitterte vor Kälte; die Luft war steif vom Nachtfrost, es klang wie Zähneknirschen unter den
Schritten. Übrigens froren sie alle. Nur des Herzogs Narr, Louis-Onze zubenannt, machte
sich Bewegung. Er spielte den Hund, lief voraus, kam wieder und trollte eine Weile auf
allen Vieren neben dem Knaben her; wo er aber von fern eine Leiche sah, da sprang er
hin und verbeugte sich und redete ihr zu, sie möchte sich zusammennehmen und der sein,
den man suchte. Er ließ ihr ein wenig Bedenkzeit, aber dann kam er mürrisch zu den
andern zurück und drohte und fluchte und beklagte sich über den Ei gensinn und die
Trägheit der Toten. Und man ging immerzu, und es nahm kein Ende. Die Stadt war kaum
mehr zu sehen; denn das Wetter hatte sich inzwischen geschlossen, trotz der Kälte, und
war grau und undurchsichtig geworden. Das Land lag flach und gleichgü ltig da, und die
kleine, dichte Gruppe sah immer verirrter aus, je weiter sie sich bewegte. Niemand sprach,
nur ein altes Weib, das mitgelaufen war, malmte etwas und schüttelte den Kopf dabei;
vielleicht betete sie.
Auf einmal blieb der Vorderste stehen und sah um sich. Dann wandte er sich kurz zu Lupi,
dem portugiesischen Arzt des Herzogs, und zeigte nach vorn. Ein paar Schritte weiterhin
war eine Eisfläche, eine Art Tümpel oder Teich, und da lagen, halb eingebrochen, zehn
oder zwölf Leichen. Sie waren fast ganz entblößt und ausgeraubt . Lupi ging gebückt und
aufmerksam von einem zum andern. Und nun erkannte man Olivier de la Marche und den
Geistlichen, wie sie so einzeln herumgingen. Die Alte aber kniete schon im Schnee und
winselte und bückte sich über eine große Hand, deren Finger ihr gespreizt
entgegenstarrten. Alle eilten herbei. Lupi mit einigen Dienern versuchte den Leichnam zu
wenden, denn er lag vornüber. Aber das Gesicht war eingefroren, und d a man es aus dem
Eis herauszerrte, schälte sich die eine Wange dünn und spröde a b, und es zeigte sich,
daß die andere von Hunden oder Wölfen herausgerissen war; und das Ganze war von
einer großen Wunde gespalten, die am Ohr begann, so daß von einem Gesicht keine
Rede sein konnte.
Einer nach dem anderen blickte sich um; jeder meinte den Römer hinter sich zu finden.
Aber sie sahen nur den Narren, der herbeigelaufen kam, böse und blutig. Er hielt einen
Mantel von sich ab und schüttelte ihn, als sollte etwas herausfallen; aber der Mantel war
leer. So ging man daran, nach Kennzeichen zu suchen, und es fanden sich einige. Man
hatte ein Feuer gemacht und wusch den Körper mit warmem Wasser und We in. Die Narbe
am Halse kam zum Vorschein und die Stellen der beiden großen Abszesse . Der Arzt
zweifelte nicht mehr. Aber man verglich noch anderes. Louis-Onze hatte ein paar Schritte
weiter den Kadaver des großen schwarzen Pferdes Moreau gefunden, das der Herzog am
Tage von Nancy geritten hatte. Er saß darauf und ließ die kurzen Beine hängen. Das Blut
rann ihm noch immer aus der Nase in den Mund, und man sah ihm an, daß er es
schmeckte. Einer der Diener drüben erinnerte, daß ein Nagel an des Herzogs linkem Fuß
eingewachsen gewesen wäre; nun suchten alle den Nagel. Der Narr aber zappelte, als
würde er gekitzelt, und schrie: »Ach, Monseigneur, verzeih ihnen, daß sie deine groben
Fehler aufdecken, die Dummköpfe, und dich nicht erkennen an meinem la ngen Gesicht, in
dem deine Tugenden stehn.«
(Des Herzogs Narr war auch der erste, der eintrat, als die Leiche gebettet war. Es war im
Hause eines gewissen Georg Marquis, niemand konnte sagen, wieso. Das Bahrtuch war
noch nicht übergelegt, und so hatte er den ganzen Eindruck. Das Weiß des Kamisols und
das Karmesin vom Mantel sonderten sich schroff und unfreundlich voneinander ab
zwischen den beiden Schwarz von Baldachin und Lager. Vorne standen schar lachne
Schaftstiefel ihm entgegen mit großen, vergoldeten Sporen. Und daß das dort oben ein
Kopf war, darüber konnte kein Streit entstehen, sobald man die Krone sah. Es war eine
große Herzogs-Krone mit irgendwelchen Steinen. LouisOnze ging umher und besah alles
genau. Er befühlte sogar den Atlas, obwohl er wenig davon verstand. Es mochte guter
Atlas sein, vielleicht ein bißchen billig für das Haus Burgund. Er trat noch einmal zurück
|  |
|
| |
|
|