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Studie über Carpaccio geschrieben, die schlecht ist, ein Drama, das »Ehe« heißt und
etwas Falsches mit zweideutigen Mitteln beweisen will, und Verse. Ach, aber mit Versen
ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und
Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglic h, und dann, ganz
zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse
sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen.
Um eines Verses willen muß man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muß die
Tiere kennen, man muß fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit
welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muß zurückde nken können an
Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die
man lange kommen sah, - an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die
man kränken mußte, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es
war eine Freude für einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit
so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen Stuben und
an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch
dahinrauschten und mit allen Sternen flogen, - und es ist noch nicht gen ug, wenn man an
alles das denken darf. Man muß Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen
keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende
Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muß man gewesen sein,
muß bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen
Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, daß man Erinnerungen hat. Man muß sie
vergessen können, wenn es viele sind, und man muß die große Geduld haben, zu warten,
daß sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht .
Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu
unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, daß in einer sehr seltenen
Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.
Alle meine Verse aber sind anders entstanden, also sind es keine. - Und als ich mein
Drama schrieb, wie irrte ich da. War ich ein Nachahmer und Narr, daß ich eines Dritten
bedurfte, um von dem Schicksal zweier Menschen zu erzählen, die es einander schwer
machten? Wie leicht ich in die Falle fiel. Und ich hätte doch wissen müssen, daß dieser
Dritte, der durch alle Leben und Literaturen geht, dieses Gespenst eines Dritten, der nie
gewesen ist, keine Bedeutung hat, daß man ihn leugnen muß. Er gehö rt zu den
Vorwänden der Natur, welche immer bemüht ist, von ihren tiefsten Geheimnissen die
Aufmerksamkeit der Menschen abzulenken. Er ist der Wandschirm, hinter dem ein Drama
sich abspielt. Er ist der Lärm am Eingang zu der stimmlosen Stille ei nes wirklichen
Konfliktes. Man möchte meinen, es wäre allen bisher zu schwer gewesen, von den Zweien
zu reden, um die es sich handelt; der Dritte, gerade weil er so unwirkli ch ist, ist das Leichte
der Aufgabe, ihn konnten sie alle. Gleich am Anfang ihrer Dramen merkt man die
Ungeduld, zu dem Dritten zu kommen, sie können ihn kaum erwarten. Sowie er da ist, ist
alles gut. Aber wie langweilig, wenn er sich verspätet, es kann rein nichts geschehen ohne
ihn, alles steht, stockt, wartet. Ja und wie, wenn es bei diesem Stauen und Anstehn
bliebe? Wie, Herr Dramatiker, und du, Publikum, welches das Leben kennt, wie, wenn er
verschollen wäre, dieser beliebte Lebemann
allen Ehen schließt wie ein Nachschlüssel? Wie, wenn ihn, zum Beispiel, der Teufel geholt
hätte? Nehmen wirs an. Man merkt auf einmal die künstliche Leere der Theater, sie
werden vermauert wie gefährliche Löcher, nur
durch den haltlosen Hohlraum. Die Dramatiker genießen nicht mehr ihre Villenviertel. Alle
öffentlichen Aufpassereien suchen für sie in entlegenen Weltteilen nach dem
Unersetzlichen, der die Handlung selbst war.
Und dabei leben sie unter den Menschen, nicht diese »Dritten«, aber die Zwei, von denen
so unglaublich viel zu sagen wäre, von denen noch nie etwas gesagt wo rden ist, obwohl
sie leiden und handeln und sich nicht zu helfen wissen.
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