| |
um des Überblicks willen. Die Farben
waren merkwürdig unzusammenhängend im Schneelicht.
Er prägte sich jede einzeln ein. »Gut angekleidet«, sagte er schließlich
anerkennend, »vielleicht
eine Spur zu deutlich.« Der Tod kam ihm vor wie ein
Puppenspieler, der rasch einen Herzog
braucht.)*
Man
tut gut, gewisse Dinge, die sich nicht mehr ändern werden, einfach festzustellen,
ohne die Tatsachen
zu bedauern oder auch nur zu beurteilen. So ist mir k lar
geworden, daß ich nie ein richtiger
Leser war. In der Kindheit kam mir das Lesen vor wie
ein Beruf, den man auf sich nehmen würde, später einmal, wenn alle die
Berufe kamen,
einer nach dem andern. Ich hatte, aufrichtig gesagt, keine bestimmte Vorstellung,
wann das sein
könnte. Ich verließ mich darauf, daß man es merke n würde,
wenn das Leben
gewissermaßen umschlug und nur noch von außen kam, so wie fr üher
von innen. Ich
bildete mir ein, es würde dann deutlich und eindeutig sein und ga r nicht
mißzuverstehn.
Durchaus nicht einfach, im Gegenteil recht anspruchsvoll, verwickelt und
schwer meinetwegen, aber immerhin sichtbar.
Das eigentümlich Unbegrenzte der Kindheit,
das Unverhältnismäßige, das Nie-recht-Absehbare, das würde
dann überstanden sein.
Es war freilich nicht einzusehen, wieso. Im Grunde nahm es immer n och zu und
schloß sich
auf allen Seiten, und je mehr man hinaussah, desto mehr Inneres rührte man
in sich auf:
Gott weiß, wo es herkam. Aber wahrscheinlich wuchs es zu einem Äußersten
an und brach
dann mit einem Schlage ab. Es war leicht zu beobachten, daß die
Erwachsenen sehr wenig davon beunruhigt
wurden; sie gingen herum und urteilten und handelten,
und wenn sie je in Schwierigkeiten waren, so lag das an äu ßeren
Verhältnissen.
An den Anfang solcher Veränderungen
verlegte ich auch das Lesen. Dann würde man mit Büchern
umgehen wie mit Bekannten, es würde Zeit dafür da sein, eine bestimmte,
gleichmäßig
und gefällig vergehende Zeit, gerade so viel, als e inem eben paßte.
Natürlich würden
einzelne einem näher stehen, und es ist nicht gesagt, daß man davor
sicher sein würde,
ab und zu eine halbe Stunde über ihnen zu versäumen: einen Spaziergang,
eine Verabredung,
den Anfang im Theater oder einen dringenden Brief. Daß sich einem aber
das Haar verbog und verwirrte, als
ob man darauf gelegen hätte, daß man glühende
Ohren bekam und Hände kalt wie
Metall, daß eine lange Kerze neben einem herunterbrannte
und in den Leuchter hinein, das würde dann, Gott sei Dank, völlig
ausgeschlossen sein.
Ich führe diese Erscheinungen
an, weil ich sie ziemlich auffällig an mir erfuhr, damals in
jenen Ferien auf Ulsgaard, als ich
so plötzlich ins Lesen geriet. Da zeigte es sich gleich,
daß ich es nicht konnte. Ich hatte
es freilich vor der Zeit begonnen, die ich mir dafür in
Aussicht gestellt hatte. Aber dieses
Jahr in Sorö unter lauter andern ungefähr Altersgleichen
hatte mich mißtrauisch gemacht gegen solche Berechnung en. Dort waren
rasche, unerwartete Erfahrungen an
mich herangekommen, und es war deutlich zu sehen, daß
sie mich wie einen Erwachsenen behandelten. Es waren lebensgroß e Erfahrungen,
die sich so schwer
machten, wie sie waren. In, demselben Maße aber, als ich ihre
Wirklichkeit begriff, gingen mir auch
für die unendliche Realität meines Kindseins die
Augen auf. Ich wußte, daß
es nicht aufhören würde, so wenig wie das andere erst begann.
Ich sagte mir, daß es natürlich
jedem freistand, Abschnitte zu machen, aber sie waren erfunden.
Und es erwies sich, daß ich zu ungeschickt war, mir welche auszudenken.
Sooft ich es
versuchte, gab mir das Leben zu verstehen, daß es nichts von i hnen wußte.
Bestand ich aber
darauf, daß meine Kindheit vorüber sei, so war in demselben Augenblick
auch alles Kommende
fort, und mir blieb nur genau so viel, wie ein Bleisoldat unter sich
hat, um stehen zu können.
*
Im
Manuskript an den Rand geschrieben.
|  |
|
| |
|
|