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unter seinen steifen Armen die mürben Fetzen weg, wie sie sie griffen. Dann leuchtete
einer vor, und da erst entdeckten sie die jäsige Wunde auf seiner Brust, in die das eiserne
Amulett eingesunken war, weil er es jede Nacht an sich preßte mit aller Kraft seiner
Inbrunst; nun stand es tief in ihm, fürchterlich kostbar, in einem Perlensaum von Eiter wie
ein wundertuender Rest in der Mulde eines Reliquärs. Man hatte harte Handlanger
ausgesucht, aber sie waren nicht ekelfest, wenn die Würmer, gestört, nach ihnen
herüberstanden aus dem flandrischen Barchent und, aus den Falten abgefallen, sich
irgendwo an ihren Ärmeln aufzogen. Es war ohne Zweifel schlimmer gewo rden mit ihm
seit den Tagen der parva regina; denn sie hatte doch noch bei ihm liegen mögen, jung und
klar wie sie war. Dann war sie gestorben. Und nun hatte keiner mehr gewagt, eine
Beischläferin an dieses Aas anzubetten. Sie hatte die Worte und Zä rtlichkeiten nicht
hinterlassen, mit denen der König zu mildern war. So drang niemand mehr durch dieses
Geistes Verwilderung; niemand half ihm aus den Schluchten seiner Seele; niemand begriff
es, wenn er selbst plötzlich heraustrat mit dem runden Blick eines Tiers, das auf die Weide
geht. Wenn er dann das beschäftigte Gesicht Juvenals erkannte, so fiel ihm das Reich ein,
wie es zuletzt gewesen war. Und er wollte nachholen, was er versäumt hatte.
Aber es lag an den Ereignissen jener Zeitläufte, daß sie nicht sch onend beizubringen
waren. Wo etwas geschah, da geschah es mit seiner ganzen Schwere, und wa r wie aus
einem Stück, wenn man es sagte. Oder was war davon abzuziehen, daß sein Bruder
ermordet war, daß gestern Valentina Visconti, die er immer seine liebe Schwester nannte,
vor ihm gekniet hatte, lauter Witwenschwarz weghebend von des entstellten Antlitzes
Klage und Anklage? Und heute stand stundenlang ein zäher, rediger Anwalt da und
bewies das Recht des fürstlichen Mordgebers, solange bis das Verbrech en
durchscheinend wurde und als wollte es licht in den Himmel fahren. Und g erecht sein hieß,
allen recht geben; denn Valentina von Orleans starb Kummers, obwohl man ihr Rache
versprach. Und was half es, dem burgundischen Herzog zu verzeihen und wi eder zu
verzeihen; über den war die finstere Brunst der Verzweiflung gekommen , so daß er schon
seit Wochen tief im Walde von Argilly wohnte in einem Zelt und behauptete, nachts die
Hirsche schreien hören zu müssen zu seiner Erleichterung.
Wenn man dann das alles bedacht hatte, immer wieder bis ans Ende, kurz w ie es war, so
begehrte das Volk einen zu sehen, und es sah einen: ratlos. Aber das Vol k freute sich des
Anblicks; es begriff, daß dies der König sei: dieser Stille, dieser Geduldige, der nur da war,
um es zuzulassen, daß Gott über ihn weg handelte in seiner späten Ungeduld. In diesen
aufgeklärten Augenblicken auf dem Balkon seines
vielleicht seinen heimlichen Fortschritt; der Tag von Roosbecke fiel ihm ein, als sein
Oheim von Berry ihn an der Hand genommen hatte, um ihn hinzuführen vo r seinen ersten
fertigen Sieg; da überschaute er in dem merkwürdig langhellen Novembertag die Massen
der Genter, so wie sie sich erwürgt hatten mit ihrer eigenen Enge, da man gegen sie
angeritten war von allen Seiten. Ineinandergewunden wie ein ungeheueres Gehirn, lagen
sie da in den Haufen, zu denen sie sich selber zusammengebunden hatten, um dicht zu
sein. Die Luft ging einem weg, wenn man da und dort ihre erstickten Gesichter sah; man
konnte es nicht lassen, sich vorzustellen, daß sie weit über diese n vor Gedränge noch
stehenden Leichen verdrängt worden sei durch den plötzlichen Austritt so vieler
verzweifelter Seelen.
Dies hatte man ihm eingeprägt als den Anfang seines Ruhms. Und er hatte es behalten.
Aber, wenn das damals der Triumph des Todes war, so war dieses, daß er hier stand auf
seinen schwachen Knieen, aufrecht in allen diesen Augen: das Mysterium der Liebe. An
den anderen hatte er gesehen, daß man jenes Schlachtfeld begreifen konnte, so
ungeheuer es war. Dies hier wollte nicht begriffen sein; es war genau so wunderbar wie
einst der Hirsch mit dem goldenen Halsband im Wald von Senlis. Nur daß er jetzt selber
die Erscheinung war, und andere waren versunken in Anschauen. Und er zweifelte nicht,
daß sie atemlos waren und von derselben weiten Erwartung, wie sie einmal ihn an jenem
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