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ihm. Die Haut spannte ihn um die Stirn und im Nacken, als empfände er auf einmal seinen
zu deutlichen Kontur. Niemand wußte, welcher Versuchung er nachgab, wenn er dann
nach den Mysterien fragte und nicht erwarten konnte, daß sie begännen. Und war es
einmal so weit, so wohnte er mehr rue Saint-Denis als in seinem Hôtel von Saint-Pol.
Es war das Verhängnisvolle dieser dargestellten Gedichte, daß sie sich immerfort
ergänzten und erweiterten und zu Zehntausenden von Versen anwuchsen, so daß die Zeit
in ihnen schließlich die wirkliche war; etwa so, als machte man einen Globus im Maßstab
der Erde. Die hohle Estrade, unter der die Hölle war und über der, an einen Pfeiler
angebaut, das geländerlose Gerüst eines Balkons das Niveau des Par adieses bedeutete,
trug nur noch dazu bei, die Täuschung zu verringern. Denn dieses Jahr hundert hatte in
der Tat Himmel und Hölle irdisch gemacht: es lebte aus den Kräften beider, um sich zu
überstehen.
Es waren die Tage jener avignonesischen Christenheit, die sich vor einem Menschenalter
um Johann den Zweiundzwanzigsten zusammengezogen hatte, mit so viel unwi llkürlicher
Zuflucht, daß an dem Platze seines Pontifikats, gleich nach ihm, die Masse dieses
Palastes entstanden war, verschlossen und schwer wie ein äußerster Notleib für die
wohnlose Seele aller. Er selbst aber, der kleine, leichte, geistige Greis, wohnte noch im
Offenen. Während er, kaum angekommen, ohne Aufschub, nach allen Seiten hin rasch
und knapp zu handeln begann, standen die Schüsseln mit Gift gewürz t auf seiner Tafel;
der erste Becher mußte immer weggeschüttet werden, denn das Stück Einhorn war
mißfarbig, wenn es der Mundkämmerer daraus zurückzog. Ratlos, nicht wissend, wo er sie
verbergen sollte, trug der Siebzigjährige die Wachsbildnisse herum, die man von ihm
gemacht hatte, um ihn darin zu verderben; und er ritzte sich an den langen Nadeln, mit
denen sie durchstochen waren. Man konnte sie einschmelzen. Doch so hatte er sich
schon an diesen heimlichen Simulakern entsetzt, daß er, gegen seinen starken Willen,
mehrmals den Gedanken formte, er könnte
hinschwinden wie das Wachs am Feuer. Sein verminderter Körper wurde n ur noch
trockener vom Grausen und dauerhafter. Aber nun wagte man sich an den Körper seines
Reichs; von Granada aus waren die Juden angestiftet worden, alle Christl ichen zu
vertilgen, und diesmal hatten sie sich furchtbarere Vollzieher erkauft. Niemand zweifelte,
gleich auf die ersten Gerüchte hin, an dem Anschlag der Leprosen; schon hatten einzelne
gesehen, wie sie Bündel ihrer schrecklichen Zersetzung in die Brunnen warfen. Es war
nicht Leichtgläubigkeit, daß man dies sofort für möglich hielt; der Glaube, in Gegenteil, war
so schwer geworden, daß er den Zitternden entsank und bis auf den Gru nd der Brunnen
fiel. Und wieder hatte der eifrige Greis Gift abzuhalten vom Blute. Zur Zeit seiner
abergläubischen Anwandlungen hatte er sich und seiner Umgebung das An gelus
verschrieben gegen die Dämonen der Dämmerung; und nun läutete man auf der ganzen
erregten Welt jeden Abend dieses kalmierende Gebet. Sonst aber glichen alle Bullen und
Briefe, die von ihm ausgingen, mehr einen Gewürzwein als einer Tisane . Das Kaisertum
hatte sich nicht in seine Behandlung gestellt, aber er ermüdete nicht, es mit Beweisen
seines Krankseins zu überhäufen; und schon wandte man sich aus dem fernsten Osten an
diesen herrischen Arzt.
Aber da geschah das Unglaubliche. Am Allerheiligentag hatte er gepredigt, länger, wärmer
als sonst; in einem plötzlichen Bedürfnis, wie um ihn selbst wiederzusehen, hatte er
seinen Glauben gezeigt; aus dem fünfundachtzigjährigen Tabernakel hatte er ihn mit aller
Kraft langsam herausgehoben und auf der Kanzel ausgestellt: und da schri een sie ihn an.
Ganz Europa schrie: dieser Glaube war schlecht.
Damals verschwand der Papst. Tagelang ging keine Aktion von ihm aus, er lag in seinem
Betzimmer auf den Knieen und erforschte das Geheimnis der Handelnden, di e Schaden
nehmen an ihrer Seele. Endlich erschien er, erschöpft von der schwere n Einkehr, und
widerrief. Er widerrief einmal über das andere. Es wurde die senile Leidenschaft seines
Geistes, zu widerrufen. Es konnte geschehen, daß er nachts die Kardinäle wecken ließ,
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