| |
Kaunos verfolgt bis nach Lykien hin.
Ihres Herzens Andrang jagte sie durch die Länder auf
seiner Spur, und schließlich war
sie am Ende der Kraft; aber so stark war ihres Wesens
Bewegtheit, daß sie, hinsinkend,
jenseits vom Tod als Quelle wiedererschien, eilend, als
eilende Quelle.
Was ist anderes der Portugiesin geschehen:
als daß sie innen zur Quel le ward? Was dir, Heloïse?
was euch, Liebenden, deren Klagen auf uns gekommen sind: Gaspara Stampa;
Gräfin von Die und Clara dAnduze;
Louise Labbé, Marceline Desb ordes, Elisa Mercur?
Aber du, arme flüchtige Aïssé,
du zögertest schon und gabst nach. Müde Julie
Lespinasse. Trostlose Sage des glücklichen
Parks: Marie-Anne de Clerm ont. Ich
weiß noch genau, einmal, vorzeiten, zuhaus, fand ich ein Schmucke tui; es
war zwei Hände
groß, fächerförmig mit einem eingepreßten Blumenrand im dunkelgrünen
Saffian. Ich
schlug es auf: es war leer. Das kann ich nun sagen nach so langer Ze it. Aber
damals, da ich
es geöffnet hatte, sah ich nur, woraus diese Leere bestand: au s Samt, aus
einem kleinen
Hügel lichten, nicht mehr frischen Samtes; aus der Schmuckrille, die, um
eine Spur Wehmut
heller, leer, darin verlief. Einen Augenblick war das auszuhalten. Aber vor denen,
die als Geliebte
zurückbleiben, ist es vielleicht immer so.
Blättert zurück in euren
Tagebüchern. War da nicht immer um die Frühlinge eine Zeit,
da das ausbrechende Jahr euch wie ein
Vorwurf betraf? Es war Lust zum Fr ohsein in euch,
und doch, wenn ihr hinaustratet in das geräumige Freie, so entstand draußen
eine Befremdung
in der Luft, und ihr wurdet unsicher im Weitergehen wie auf einem
Schiffe. Der Garten fing an; ihr aber
(das war es), ihr schlepptet Winter herein und voriges Jahr;
für euch war es bestenfalls eine Fortsetzung. Während ihr wa rtetet,
daß eure Seele teilnähme,
empfandet ihr plötzlich eurer Glieder Gewicht, und etwas wie die Möglichkeit,
krank zu werden,
drang in euer offenes Vorgefühl. Ihr schobt es auf euer zu leichtes Kleid,
ihr spanntet
den Schal um die Schultern, ihr lieft die Allee bis zum Sch luß: und dann
standet ihr,
herzklopfend, in dem weiten Rondell, entschlossen mit alledem einig zu sein.
Aber ein Vogel klang und war allein
und verleugnete euch. Ach, hättet ihr müssen
gestorben sein?
Vielleicht. Vielleicht ist das neu,
daß wir das überstehen: das Jahr und die Liebe. Blüten
und Früchte sind reif, wenn sie
fallen; die Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und
sind es zufrieden. Wir aber, die wir
uns Gott vorgenommen haben, wir kö nnen nicht fertig
werden. Wir rücken unsere Natur
hinaus, wir brauchen noch Zeit. Was i st uns ein Jahr? Was
sind alle? Noch eh wir Gott angefangen haben, beten wir schon zu ihm : laß
uns die Nacht
überstehen. Und dann das Kranksein. Und dann die Liebe.
Daß Clémence de Bourges hat
sterben müssen in ihrem Aufgang. Sie, die ohne gleichen
war; unter den Instrumenten, die sie
wie keine zu spielen verstand, das schönste, selber
im mindesten Klang ihrer Stimme unvergeßlich
gespielt. Ihr Mädchen tum war von so hoher
Entschlossenheit, daß eine flutende Liebende diesem aufkommende n Herzen
das Buch Sonette
zueignen konnte, darin jeder Vers ungestillt war. Louise Labbé fürchtete
nicht, dieses
Kind zu erschrecken mit der Leidenslänge der Liebe. Sie zeigte ihr das
nächtliche Steigen der Sehnsucht;
sie versprach ihr den Schmerz wie einen größeren
Weltraum; und sie ahnte, daß sie
mit ihrem erfahrenen Weh hinter dem dunkel erwarteten zurückblieb,
von dem diese Jünglingin schön war.
Mädchen in meiner Heimat. Daß
die schönste von euch im Sommer an einem Nachmittag
in der verdunkelten Bibliothek sich das kleine Buch fände, das Jan des
Tournes 1556 gedruckt hat. Daß
sie den kühlenden, glatten Band mit nähme hinaus
in den summenden Obstgarten oder hinüber
zum Phlox, in dessen übersüßtem Duft ein
Bodensatz schierer Süßigkeit
steht. Daß sie es früh fände . In den Tagen, da ihre Augen
|  |
|
| |
|
|