| |
anfangen, auf sich zu halten, während der jüngere Mund noch imstande ist, viel zu große
Stücke von einem Apfel abzubeißen und voll zu sein.
Und wenn dann die Zeit der bewegteren Freundschaften kommt, Mädchen, daß es euer
Geheimnis wäre, einander Dika zu rufen und Anaktoria, Gyrinno und Atthis. Daß einer, ein
Nachbar vielleicht, ein älterer Mann, der in seiner Jugend gereist ist und längst als
Sonderling gilt, euch diese Namen verriete. Daß er euch manchmal zu sich einlüde, um
seiner berühmten Pfirsiche willen oder wegen der Ridingerstiche zur Equitation oben in
weißen Gang, von denen so viel gesprochen wird, daß man sie müß te gesehen haben.
Vielleicht überredet ihr ihn zu erzählen. Vielleicht ist die unter euch, die ihn erbitten kann,
die alten Reisetagebücher hervorzuholen, wer kann es wissen? Dieselbe, die es ihm eines
Tags zu entlocken versteht, daß einzelne Gedichtstellen der Sappho au f uns gekommen
sind, und die nicht ruht bis sie weiß, was fast ein Geheimnis ist: daß dieser
zurückgezogene Mann es liebte, zuzeiten seine Muße an die Übertragung dieser
Versstücke zu wenden. Er muß zugeben, daß er lange nicht mehr daran gedacht hat, und
was da ist, versichert er, sei nicht der Rede wert. Aber nun freut es ih n doch, vor diesen
arglosen Freundinnen, wenn sie sehr drängen, eine Strophe zu sagen. Er entdeckt sogar
den griechischen Wortlaut in seinem Gedächtnis, er spricht ihn vor, w eil die Übersetzung
nichts giebt, seiner Meinung nach, und um dieser Jugend den schönen, echten Bruch der
massiven Schmucksprache zu zeigen, die in so starken Flammen gebogen war d.
Über dem allen erwärmt er sich wieder für seine Arbeit. Es kommen schöne, fast
jugendliche Abende für ihn, Herbstabende zum Beispiel, die sehr viel stille Nacht vor sich
haben. In seinem Kabinett ist dann lange Licht. Er bleibt nicht immer über die Blätter
gebeugt, er lehnt sich oft zurück, er schließt die Augen über einer wieder gelesenen Zeile,
und ihr Sinn verteilt sich in seinem Blut. Nie war er der Antike so gewiß. Fast möchte er
der Generationen lächeln, die sie beweint haben wie ein verlorenes Schauspiel, in dem sie
gerne aufgetreten wären. Nun begreift er momentan die dynamische Bedeutung jener
frühen Welteinheit, die etwas wie ein neues, gleichzeitiges Aufnehmen aller menschlichen
Arbeit war. Es beirrt ihn nicht, daß jene konsequente Kultur mit ihren gewissermaßen
vollzähligen Versichtbarungen für viele spätere Blicke ein Ganz es zu bilden schien und ein
im Ganzen Vergangenes. Zwar ward dort wirklich des Lebens himmlische Hä lfte an die
halbrunde Schale des Daseins gepaßt, wie zwei volle Hemisphären zu einer heilen,
goldenen Kugel zusammengehen. Doch dies war kaum geschehen, so empfanden die in
ihr eingeschlossenen Geister diese restlose Verwirklichung nur noch als Gleichnis; das
massive Gestirn verlor an Gewicht und stieg auf in den Raum, und in seiner goldenen
Rundung spiegelte sich zurückhaltend die Traurigkeit dessen, was noch nicht zu
bewältigen war.
Wie er dies denkt, der Einsame in seiner Nacht, denkt und einsieht, beme rkt er einen
Teller mit Früchten auf der Fensterbank. Unwillkürlich greift er einen Apfel heraus und legt
ihn vor sich auf den Tisch. Wie steht mein Leben herum um diese Frucht, denkt er. Um
alles Fertige steigt das Ungetane und steigert sich.
Und da, über dem Ungetanen, ersteht ihm, fast zu schnell, die kleine, ins Unendliche
hinaus gespannte Gestalt, die (nach Galiens Zeugnis) alle meinten, wenn sie sagten: die
Dichterin. Denn wie hinter den Werken des Herakles Abbruch und Umbau der Welt
verlangend aufstand, so drängten sich, gelebt zu werden, aus den Vorräten des Seins an
die Taten ihres Herzens die Seligkeiten und Verzweiflungen heran, mit de nen die Zeiten
auskommen müssen.
Er kennt auf einmal dieses entschlossene Herz, das bereit war, die ganze Liebe zu leisten
bis ans Ende. Es wundert ihn nicht, daß man es verkannte; daß man in dieser überaus
künftigen Liebenden nur das Übermaß sah, nicht die neue Maße inheit von Liebe und
Herzleid. Daß man die Inschrift ihres Daseins auslegte wie sie damals gerade glaubhaft
war, daß man ihr endlich den Tod derjenigen zuschrieb, die der Gott e inzeln anreizt, aus
sich hinauszulieben ohne Erwiderung. Vielleicht waren selbst unter den von ihr gebildeten
|  |
|
| |
|
|