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hatten; das gemeinsame Wesen, das Tag und Nacht unter der Suggestion ihrer Liebe
stand, zwischen ihrer Hoffnung und ihrem Argwohn, vor ihrem Tadel oder Beifall.
So einem nützt es nichts, mit unsäglicher Vorsicht die Treppen zu steigen. Alle werden im
Wohnzimmer sein, und die Türe muß nur gehn, so sehen sie hin. Er bleibt im Dunkel, er
will ihre Fragen abwarten. Aber dann kommt das Ärgste. Sie nehmen ihn bei den Händen,
sie ziehen ihn an den Tisch, und alle, soviel ihrer da sind, strecken sich neugierig vor die
Lampe. Sie haben es gut, sie halten sich dunkel, und auf ihn allein fällt, mit dem Licht, alle
Schande, ein Gesicht zu haben.
Wird er bleiben und das ungefähre Leben nachlügen, das sie ihm zus chreiben, und ihnen
allen mit dem ganzen Gesicht ähnlich werden? Wird er sich teilen zwischen der zarten
Wahrhaftigkeit seines Willens und dem plumpen Betrug, der sie ihm selber verdirbt? Wird
er es aufgeben, das zu werden, was denen aus seiner Familie, die nur noc h ein
schwaches Herz haben, schaden könnte?
Nein, er wird fortgehen. Zum Beispiel während sie alle beschäftigt sind, ihm den
Geburtstagstisch zu bestellen mit den schlecht erratenen Gegenständen, die wieder
einmal alles ausgleichen sollen. Fortgehen für immer. Viel später erst wird ihm klar
werden, wie sehr er sich damals vornahm, niemals zu lieben, um keinen in die entsetzliche
Lage zu bringen, geliebt zu sein. Jahre hernach fällt es ihm ein und, wie andere Vorsätze,
so ist auch dieser unmöglich gewesen. Denn er hat geliebt und wieder geliebt in seiner
Einsamkeit; jedesmal mit Verschwendung seiner ganzen Natur und unter uns äglicher
Angst um die Freiheit des andern. Langsam hat er gelernt, den geliebten Gegenstand mit
den Strahlen seines Gefühls zu durchscheinen, statt ihn darin zu verzehren. Und er war
verwöhnt von dem Entzücken, durch die immer transparentere Gestalt der Geliebten die
Weiten zu erkennen, die sie seinem unendlichen Besitzen wollen auftat.
Wie konnte er dann nächtelang weinen vor Sehnsucht, selbst so durchle uchtet zu sein.
Aber eine Geliebte, die nachgiebt, ist noch lang keine Liebende. O, trostlose Nächte, da er
seine flutenden Gaben in Stücken wiederempfing, schwer von Vergänglichkeit. Wie
gedachte er dann der Troubadours, die nichts mehr fürchteten als erhört zu sein. Alles
erworbene und vermehrte Geld gab er dafür hin, dies nicht noch zu erfahren. Er kränkte
sie mit seiner groben Bezahlung, von Tag zu Tag bang, sie könnten ver suchen, auf seine
Liebe einzugehen. Denn er hatte die Hoffnung nicht mehr, die Liebende zu erleben, die ihn
durchbrach.
Selbst in der Zeit, da die Armut ihn täglich mit neuen Härten erschreckte, da sein Kopf das
Lieblingsding des Elends war und ganz abgegriffen, da sich überall an seinem Leibe
Geschwüre aufschlugen wie Notaugen gegen die Schwärze der Heimsuch ung, da ihm
graute vor dem Unrat, auf dem man ihn verlassen hatte, weil er seinesgleichen war: selbst
da noch, wenn er sich besann, war es sein größestes Entsetzen, erw idert worden zu sein.
Was waren alle Finsternisse seither gegen die dichte Traurigkeit jener Umarmungen, in
denen sich alles verlor. Wachte man nicht auf mit dem Gefühl, ohne Zukunft zu sein? Ging
man nicht sinnlos umher ohne Anrecht auf alle Gefahr? Hatte man nicht hundertmal
versprechen müssen, nicht zu sterben? Vielleicht war es der Eigensinn dieser argen
Erinnerung, die sich von Wiederkunft zu Wiederkunft eine Stelle erhalten wollte, was sein
Leben unter den Abfällen währen ließ. Schließlich fand man ihn wieder. Und erst dann,
erst in den Hirtenjahren, beruhigte sich seine viele Vergangenheit.
Wer beschreibt, was ihm damals geschah? Welcher Dichter hat die Überr edung, seiner
damaligen Tage Länge zu vertragen mit der Kürze des Lebens? Welche Kunst ist weit
genug, zugleich seine schmale, vermantelte Gestalt hervorzurufen und den ganzen
Überraum seiner riesigen Nächte.
Das war die Zeit, die damit begann, daß er sich allgemein und anonym fühlte wie ein
zögernd Genesender. Er liebte nicht, es sei denn, daß er es liebte, zu sein. Die niedrige
Liebe seiner Schafe lag ihm nicht an; wie Licht, das durch Wolken fällt, zerstreute sie sich
um ihn her und schimmerte sanft über den Wiesen. Auf der schuldlosen Spur ihres
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