| |
Schwiegervater aufzusuchen. Die beiden Männer hatten sich jahrelang, seit dem Tode
meiner Mutter, nicht gesehen, und mein Vater selbst war noch nie in dem alten Schlosse
gewesen, in welches der Graf Brahe sich erst spät zurückgezogen ha tte. Ich habe das
merkwürdige Haus später nie wiedergesehen, das, als mein Großvater starb, in fremde
Hände kam. So wie ich es in meiner kindlich gearbeiteten Erinnerung wiederfinde, ist es
kein Gebäude; es ist ganz aufgeteilt in mir; da ein Raum, dort ein Raum und hier ein Stück
Gang, das diese beiden Räume nicht verbindet, sondern für sich, als Fragment,
aufbewahrt ist. In dieser Weise ist alles in mir verstreut, - die Zimmer, die Treppen, die mit
so großer Umständlichkeit sich niederließen, und andere enge, rundgebaute Stiegen, in
deren Dunkel man ging wie das Blut in den Adern; die Turmzimmer, die hoc h
aufgehängten Balkone, die unerwarteten Altane, auf die man von einer kleinen Tür
hinausgedrängt wurde; - alles das ist noch in mir und wird nie aufhören, in mir zu sein. Es
ist, als wäre das Bild dieses Hauses aus unendlicher Höhe in mich hineingestürzt und auf
meinem Grunde zerschlagen.
Ganz erhalten ist in meinem Herzen, so scheint es mir, nur jener Saal, in dem wir uns zum
Mittagessen zu versammeln pflegten, jeden Abend um sieben Uhr. Ich habe diesen Raum
niemals bei Tage gesehen, ich erinnere mich nicht einmal, ob er Fenster hatte und wohin
sie aussahen; jedesmal, so oft die Familie eintrat, brannten die Kerzen in den schweren
Armleuchtern, und man vergaß in einigen Minuten die Tageszeit und alles, was man
draußen gesehen hatte. Dieser hohe, wie ich vermute, gewölbte Raum war stärker als
alles; er saugte mit seiner dunkelnden Höhe, mit seinen niemals ganz aufgeklärten Ecken
alle Bilder aus einem heraus, ohne einem einen bestimmten Ersatz dafür zu geben. Man
saß da wie aufgelöst; völlig ohne Willen, ohne Besinnung, ohne Lust, ohne Abwehr. Man
war wie eine leere Stelle. Ich erinnere mich, daß dieser vernichtende Zustand mir zuerst
fast Übelkeit verursachte, eine Art Seekrankheit, die ich nur dadurch überwand, daß ich
mein Bein ausstreckte, bis ich mit dem Fuß das Knie meines Vaters berührte, der mir
gegenübersaß. Erst später fiel es mir auf, daß er dieses mer kwürdige Benehmen zu
begreifen oder doch zu dulden schien, obwohl zwischen uns ein fast kühles Verhältnis
bestand, aus dem ein solches Gebaren nicht erklärlich war. Es war indessen jene leise
Berührung, welche mir die Kraft gab, die langen Mahlzeiten auszuhalten. Und nach
einigen Wochen krampfhaften Ertragens hatte ich, mit der fast unbegrenzten Anpassung
des Kindes, mich so sehr an das Unheimliche jener Zusammenkünfte gewö hnt, daß es
mich keine Anstrengung mehr kostete, zwei Stunden bei Tische zu sitzen; jetzt vergingen
sie sogar verhältnismäßig schnell, weil ich mich damit beschäftigte, die Anwesenden zu
beobachten.
Mein Großvater nannte es die Familie, und ich hörte auch die ander n diese Bezeichnung
gebrauchen, die ganz willkürlich war. Denn obwohl diese vier Menschen miteinander in
entfernten verwandtschaftlichen Beziehungen standen, so gehörten sie doch in keiner
Weise zusammen. Der Oheim, welcher neben mir saß, war ein alter Mann, dessen hartes
und verbranntes Gesicht einige schwarze Flecke zeigte, wie ich erfuhr, die Folgen einer
explodierten Pulverladung; mürrisch und malkontent wie er war, hatte er als Major seinen
Abschied genommen, und nun machte er in einem mir unbekannten Raum des S chlosses
alchymistische Versuche, war auch, wie ich die Diener sagen hörte, mi t einem Stockhause
in Verbindung, von wo man ihm ein- oder zweimal jährlich Leichen zusandte, mit denen er
sich Tage und Nächte einschloß und die er zerschnitt und auf eine geheimnisvolle Art
zubereitete, so daß sie der Verwesung widerstanden. Ihm gegenüber war der Platz des
Fräuleins Mathilde Brahe. Es war das eine Person von unbestimmtem Alter, eine entfernte
Cousine meiner Mutter, von der nichts bekannt war, als daß sie eine s ehr rege
Korrespondenz mit einem österreichischen Spiritisten unterhielt, der sich Baron Nolde
nannte und dem sie vollkommen ergeben war, so daß sie nicht das gerin gste unternahm,
ohne vorher seine Zustimmung oder vielmehr etwas wie seinen Segen einzuholen. Sie war
zu jener Zeit außerordentlich stark, von einer weichen, trägen Fülle, die gleichsam achtlos
|  |
|
| |
|
|